Nach der bundesweiten Schulschließung aufgrund der Corona-Krise musste dieser Prozess für die Schule meiner Kinder beschleunigt werden, um den Unterricht soweit wie möglich aufrecht erhalten zu können.
Viele Schulen haben sich entschlossen den einfachen Weg zu gehen und nutzen Angebote von globalen Anbietern wie Microsoft, Google und Zoom, die alle vorher aufgrund des mangelnden Datenschutzes von Datenschützern kritisiert oder wiederholt aufgrund gravierender Sicherheitsmängel in der Presse waren.

Wir haben uns entschlossen den richtigen Weg zu gehen. Wir setzen auf Lösungen aus der Libre & Open Source Bewegung. Die Software die wir schon im Vorfeld zu Corona als Bestandteil unserer Digitalstrategie identifiziert hatten, ist ausschließlich Libre & Open Source.

Libre & Open Source Software

Diese Tatsache birgt verschiedene Vorteile:

  1. Wir haben die volle Kontrolle
    Da die Software, die wir nutzen wollen, frei zur Verfügung steht, können wir sie im Rechenzentrum unseres Vertrauens installieren und nutzen - oder auch auf unseren eigenen Servern in der Schule. Wir haben die Software voll im Griff, genauso auch die Daten, die durch die Nutzer eingegeben oder hochgeldaen werden.

  2. Wir wissen, welche Daten wir (nicht) sammeln
    Anders als bei den proprietären Produkten der internationalen Anbieter, wie Microsoft, wissen wir exakt, welche Daten wir sammeln und wie das Nutzerverhalten analysiert wird. Während diese Anbieter sich nach wie vor weigern, vollständige Transparenz über die erfassten Daten und deren weitere Verwendendung, walten zu lassen, liegt es hier allein in unserer Hand ob wir solche Daten erfassen und analysieren wollen oder auch nicht.

  3. Wir sind Herr unserer Daten
    Nicht nur haben wir die volle Kontrolle darüber, wo die Daten unserer Nutzer erfasst und abgelegt werden, wir haben auch die Möglichkeit, jederzeit unsere Daten zu nehmen und sie in eine andere Software zu importieren, das ist spätestens dann interessant, wenn sich Anforderungen ändern und man Systeme wechseln möchte. Viele Anbieter proprietärer Systeme bieten keine Möglichkeit an, die eigenen Daten strukturiert für eine Weiterverwendung zu entnehmen.

Wir unterstützen zudem ausdrücklich die Free Software Foundation Europe mit ihrer Forderung, daß Code, der durch Mittel aus der Öffentlichen Hand finanziert wird, auch unter offenen Lizenzen und zur kostenfreien Nutzung durch die Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden soll: Public Money - Public Code.

Die Herausforderungen

Um den Unterricht auch ohne Präsenz der Schüler an der Schule sicherstellen zu können, war es nötig verschiedene Prozesse abzubilden:

Informationsweitergabe und Diskussionen

Die meisten Klassen hatten bereits im Vorfeld die ein oder andere Lösung für die Kommunikation mit den Eltern geschaffen.
Diese sogenannten Mailverteiler sollten nun umfunktioniert werden, um den Schülern ihre Aufgaben zukommen lassen zu können. Da dies bisher in der Verantwortung der jeweiligen Klasse umgesetzt wurde, und jede Lösung irgendwie ein wenig anders funktionierte, war es sinnvoll hier eine standardisierte Lösung zu etablieren.

Diese Art der Kommunikation nennt man asynchrone Kommunikation. Zur Lösung dieser Anforderung kommen verschiedene Ansätze in Frage: Ganz normale E-Mail, ein Diskussionsforum, eine Newsgroup oder eine Mailingliste.
Um die Nutzungsart der bisherigen Mailverteiler möglichst beizubehalten, haben wir uns für eine Mailingliste entschieden. Der Vorteil der Mailingliste gegenüber Einzellösungen, ist die zentrale Wartbarkeit der Empfängerlisten, aber auch das integrierte Archiv, das es neuen Teilnehmern erlaubt, bei Bedarf auch alte Diskussionen und Entscheidungen nachzuvollziehen.

Die eingesetzte Software ist:
Mailman - The GNU Mailing List Manager

Mailman - The GNU Mailing List Manager

Interaktion und direkte Kommunikation

Wo keine Lösungen angeboten wurde, haben sich in der Vergangenheit die Beteiligten eigene Lösungen gesucht. Die Kommunikation der Schüler untereinander wurde dabei oft mit Software proptietärer Anbieter gelöst: Facebook Messenger, Whatsapp und andere. Es wurden Fotos der Tafel in die Gruppen gepostet, Hausaufgaben besprochen und auch einfach nur gechattet.
Aber auch die Eltern haben sich auf die eine oder andere Art in dieser Weise vernetzt.

Um diese Anforderung der synchronen Kommunikation zu lösen und die Beteiligten aus den proprietären Silos zu locken, haben wir uns für eine der vielen Chat-Lösungen entschieden, die es aus dem Open-Source Umfeld gibt, damit lassen sich private Eins-zu-Eins-Chats genauso umsetzen, wie öffentliche, themenbasierte Gruppen-Chats und Broadcast-Channels oder geschlossene Diskussionsgruppen.

Rocket.Chat - Workstream Collaboration & Omnichannel Customer Engagement

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Dokumentenaustausch und Ablage

Um die Übersicht über verteilte Dokumente und Dateien behalten zu können, ist es sinnvoll, nicht jeden Tag E-Mails mit neuen Anhängen zu verschicken - das kann für alle Beteiligten sehr schnell unübersichtlich werden -, sondern eine zentrale Stelle zu schaffen, wo jeder seine Dateien ablegen kann. Was man inzwischen gemeinhin als Cloud bezeichnet, gibt den Lehrern die Möglichkeit Dateien an die Schüler zu verteilen und Hausaufgaben abzufragen, ohne daß jeder Schüler die Lösungen der anderen sehen kann.
Hier werden genauso selbst gemachte Lehrvideos eingestellt, wie auch Lehrmittel, Übungsblätter und Tests zur Selbstevaluation.
Zusätzlich gibt uns ein solches Setup in diesem Fall einen Kalender, Kontaktlisten und die Möglichkeit nach belieben alle Beteiligten in Gruppen mit unterschiedlichen Zugriffsberechtigungen aufzuteilen.

Nextcloud - The self-hosted productivity platform that keeps you in control

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Der Unterricht

Die wesentlichste Änderung ist der Wegfall des Präsenzunterrichts. Dafür einen Ersatz zu finden ist zugegebenermaßen schwer, einen vollständigen Ersatz für die Interaktion in der Klassengemeinschaft zu finden, vielleicht sogar unmöglich.
Damit die Lehre weiter gehen kann, bieten wir eine Software für Videokonferenzen an. Anders als Microsoft Teams, Google Hangouts oder Zoom, wurde unser Tool explizit für die Lehre entwickelt.
Es bietet die Möglichkeit der Moderation und der vorübergehenden Ernennung von Präsentatoren. Ein Whiteboard ermöglicht, zusätzlich zum Screensharing, das Anzeigen und Besprechen von Dokumenten. Große Gruppen können vorübergehend in Kleingruppen aufgeteilt werden und kommen nach Ablauf der angegebenen Zeit wieder in die Gesamtgruppe zurück.
Es kann Echtzeitkommunikation mit Bild und Ton durchgeführt werden, ein Chat und geteilte Notizen ermöglichen zusätzliche Interaktion.

BigBlueButton - A web conferencing system designed for online learning

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Fazit

Natürlich gibt es bei der Einführung digitaler Systeme in dieser Größenordnung und Geschwindigkeit immer Schwierigkeiten. Aufgrund des nötigen Tempos bei der Einführung, konnten weder Mitarbeiter, noch Eltern oder Schüler im Vorfeld vernünftig geschult oder vorbereitet werden.

Umso positiver ist die allgemeine Bereitschaft der Beteiligten zur Mitarbeit in den letzten Wochen zu bewerten. Alle auftauchenden Schwierigkeiten wurden sachlich bearbeitet und bewältigt.

Eine gute Hilfe dabei war das Dashboard. Es bietet eine gute Übersicht über alle verfügbaren Apps und direkte Einstiegspunkte. Auch eine zentrale Beutzerverwaltung mit unterschiedlichen Rollen und Rechten ist integriert, so können alle Apps mit einem gemeinsamen Login genutzt werden.

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Inzwischen werden die Tools rege genutzt, es finden täglich Videokonferenzen mit mehr als 120 Teilnehmern parallel statt. Der Datenaustausch wirkt fast schon routiniert und die selbst produzierten Videos, als Lehrveranstaltung für die Schüler der 1. Klasse, sind ein echter Kassenschlager.

Die Zukunft sieht rosig aus: Basierend auf den jetzt etablierten Tools, können wir die Digitalstrategie der Schule weiter ausbauen. Die Grundlagen der Nutzung wurden bereits von der überwiegenden Mehrheit aller Mitarbeiter der Schule erarbeitet.

Alles was aussteht, ist die Integration in den Alltag, nach der Pandemie - das sollte doch ein Klacks sein ;-)

tl;dr

Für eine Schule in freier Trägerschaft in Heidelberg haben wir, als vorübergehenden Ersatz für den Präsenzunterricht, eine Lernplattform mit Mailinglisten, Chat, Cloud und Videokonferenzen umgesetzt. Die Adaptionsrate ist überwältigend, der Betrieb im Alltag nach der Pandemie vorgesehen.

Portrait von Stefan Auditor

Stefan Auditor

Head of Development