Ein Drupal-Mensch auf dem OMT 2026
Freitag, 25. September, Mainz. Die Sonne scheint auf die Pyramide, vor dem Eingang stehen Foodtrucks. Und ich bin wieder beim OMT, zwischen SEOs, Performance-Leuten und Markenstrategen.
Warum ich als Drupal-Mensch dahin fahre? Weil ich hören und lernen will, was gerade die Top-Themen sind. Und weil ich für uns und unsere Projekte etwas mitnehmen will.
Diesmal war KI wieder sehr präsent. Im Vergleich zum Vorjahr aber reflektierter, erwachsener. Die Speaker haben gezeigt, was funktioniert, und auch, was schiefging. Das war sehr angenehm.
Daniel Sternberger: erst die Aufgabe
Daniel Sternberger von SEOCATION hat gut vorgetragen, mit einem schönen Beispiel aus der Süßwarenindustrie. Ein Hersteller von Trennmitteln hat seine Produktseite umgebaut. Aus „Trennmittel für die Süßwarenveredelung" wurde „Trennmittel für Fruchtgummi & Geleeartikel". Und auf der Seite stehen jetzt die Antworten, nach denen Einkäufer fragen: halal, vegan, ohne Palmöl.
Mitgenommen habe ich vor allem Jobs-to-be-Done. Also die Frage, welche Aufgabe jemand lösen will, bevor es um das Produkt geht. Daran halten wir uns schon. Aber wir können da besser werden.
Hängen geblieben ist auch eine Beobachtung, die er mit Daten von Similarweb belegt hat. Die Vorrecherche läuft immer öfter über KI. Für die Entscheidung googeln die Leute dann doch wieder und landen auf der Website. Nur taucht in den gängigen Auswertungen kaum auf, dass sie sich vorher per KI informiert haben. Wie groß diese Lücke sein kann, hat später Thomas Peham gezeigt.
Julia Weißbach: echte Zahlen
Eine tolle Session. Julia Weißbach von SISTRIX hat rund 96.000 URLs auswerten lassen und geschaut, welche Seiten ChatGPT und Googles KI-Antworten zitieren. Echte Zahlen. Da haben sie sich viel Mühe gegeben.
Und die Tendenz war deutlich. Seiten mit Inhaltsverzeichnis, sauberen Überschriften und Tabellen tauchen häufiger in den Zitaten auf. Ebenso Seiten mit FAQ-Auszeichnung, also mit Fragen und Antworten, die für Maschinen lesbar markiert sind. Wer vieles davon kombiniert, den zitieren die KI-Systeme etwa doppelt so oft.
Ok, nicht immer ganz klar. Gerade wo die Faktoren eng beieinander liegen, lässt sich schwer sagen, was genau wirkt. Julia hat selbst darauf hingewiesen, dass sich die Effekte überlagern.
Schön waren auch die Mythen. Die llms.txt, eine Datei, die KI-Systemen die eigene Website zusammenfassen soll, macht laut ihren Daten Stand jetzt keinen messbaren Unterschied. Und ein guter Lesbarkeitsindex bringt bei den Zitaten nichts.
Für uns steckt da viel drin. Struktur entsteht im CMS, lange bevor jemand einen Text schreibt. Und mir ist dabei ein Stolperstein eingefallen, den wir aus Drupal kennen: Das Änderungsdatum springt bei jedem Speichern, auch beim korrigierten Tippfehler. Wer das als „aktualisiert am" ausgibt, zeigt Aktualität, die es nicht gibt. Ein eigenes Feld „zuletzt fachlich geprüft" ist ehrlicher. [INTERN: Website-Audit, https://erdfisch.de/leistungen/website-audit]
So hat SISTRIX gemessen
SISTRIX hat 99.498 URLs gecrawlt, 96.418 davon waren auswertbar. Darunter sind 48.527 Seiten, die ChatGPT, Google AI Mode oder Google AI Overviews zitiert haben, jeweils mit einer nicht zitierten Kontrollseite derselben Domain. Grundlage ist der SISTRIX AI-Index für den DACH-Raum im zweiten Quartal 2026. Die Studie zeigt Zusammenhänge. Ob ein Merkmal die Zitierung verursacht, belegt sie nicht. Eine öffentliche Fassung der Studie gibt es bisher nicht, die Zahlen stammen aus dem Vortrag.
Thomas Peham: die KI vergisst langsam
Bei Thomas Peham von OtterlyAI habe ich zwei Dinge mitgenommen.
Erstens die Lücke von eben. Laut Google Analytics kamen bei OtterlyAI 0,1 Prozent der Registrierungen über Claude. Gefragt, wie sie auf das Tool gestoßen sind, nannten 10,6 Prozent der Neuregistrierten Claude. Das sind Zahlen eines Anbieters, dessen Zielgruppe selbst viel mit KI arbeitet. Eins zu eins übertragen lassen sie sich nicht. Die Richtung ist trotzdem deutlich. Und eine alte Frage bekommt damit neues Gewicht: „Wie sind Sie auf uns aufmerksam geworden?" Als freiwilliges Feld im Kontaktformular.
Zweitens, und das fand ich krass: wie lange die KI tote Inhalte noch ausgibt. OtterlyAI hat rund 20 Millionen zitierte URLs in den Blick genommen. Fast jede fünfte der bisher geprüften liefert keine Live-Seite mehr. Die meisten davon sind gelöscht oder nicht mehr erreichbar, Weiterleitungen sind der kleinste Teil.
Dazu kam ein eigener Test: Eine Marke hat Vergleichsseiten gelöscht. Seiten, die schon seit acht Monaten weg waren, machten im Beobachtungszeitraum noch fünf Prozent der Zitate aus. Ein einzelner Test, aber ein deutliches Signal.
Gut fand ich auch, wie offen Thomas mit gescheiterten Experimenten umgegangen ist. Schema-Markup etwa hat bei Googles KI-Übersichten geholfen und bei ChatGPT die Zitate sinken lassen. Bei Julia sah das anders aus. Ganz geklärt ist die Frage also noch nicht.
Was möglich ist und was erlaubt ist
Was mir bei dem einen oder anderen Vortrag gefehlt hat, war ein deutlicher Verweis auf den Unterschied zwischen dem, was möglich ist, und dem, was erlaubt ist. Zum Teil herrschte eine sehr freimütige Haltung zu Themen wie DSGVO und UWG. Das Publikum musste hartnäckig nachfragen, bis eher weiche Antworten kamen.
Ich wünsche mir, dass Speaker die rechtliche Grenze gleich mitnennen.In unseren Projekten fragen wir zuerst „Dürfen wir das?" und erst dann „Können wir das?". Denn die Verantwortung dafür tragen am Ende unsere Kunden.
Und noch etwas habe ich aus Mainz mitgebracht. Seit dem Freitag steht bei mir „miteinander", wo früher „gemeinsam" stand. Den Anstoß gab Beate Fischer mit ihrem Vortrag über Wörter und was sie in uns auslösen. Denn „miteinander" ist für mich ein anderes Bild. Es ist inklusiv. Bei „gemeinsam" höre ich die Gemeinde mit, aber ein inklusives Bild entsteht bei mir im Kopf einfach nicht.
Nächstes Jahr bin ich wieder in der Pyramide.