KERN UX Logo und Hintergrundbild

KERN UX: Designsystem für barrierefreie digitale Verwaltung

KERN UX soll digitale Verwaltung dort verbessern, wo es in der Praxis oft weh tut: bei Bedienbarkeit, Barrierefreiheit und komplexen Formularen. Statt dass jede Kommune Buttons, Navigationen und Eingabestrecken neu entwirft und später im Audit nachbessern muss, liefert KERN UX ein erprobtes, barrierearmes Fundament.

In diesem Artikel beleuchten wir, was KERN UX ausmacht, warum der Standard gerade jetzt an Bedeutung gewinnt und wie wir ihn bereits produktiv in Drupal nutzen.

Inhaltsverzeichnis

Die Herausforderung

Wer digitale Projekte für die öffentliche Verwaltung oder im NGO-Umfeld plant, steht unweigerlich vor einem riesigen Berg an Anforderungen. Die gesetzliche Pflicht zur Barrierefreiheit (nach BITV / Web Content Accessibility Guidelines, kurz A11y) steht dabei ganz oben auf dem Zettel. Und das aus gutem Grund: Behördliche Angebote müssen für alle Menschen zugänglich sein.
Gleichzeitig wollen wir moderne Bürgerbeteiligung, reibungslose Bürgerservices und interne Kollaboration, die Spaß macht. Die Realität sieht leider oft anders aus: Komplexe Formulare, unübersichtliche Intranets und am Ende scheitert das Ganze, weil das Frontend für Screenreader unlesbar oder auf dem Smartphone schlicht unbedienbar ist.

Bisher hieß das für fast jedes Projekt: Das Rad mühsam neu erfinden, tief in die Tasche greifen, ein teures Designsystem entwickeln und hoffen, dass der Audit zur Barrierefreiheit am Ende grünes Licht gibt.

Glücklicherweise gibt es hierfür inzwischen einen besseren Ansatz: Ein standardisiertes Fundament, das diese strukturellen Probleme direkt an der Basis löst.

KERN UX: Der Design-Standard für Deutschlands digitale Verwaltung

Mit KERN UX haben die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein etwas ins Leben gerufen, das der öffentliche Sektor bestens gebrauchen kann: einen ganzheitlichen UX- und Design-Standard für die Verwaltung.

Man kann sich KERN UX wie einen universellen, streng barrierefreien Baukasten vorstellen. Statt dass jede Kommune oder Behörde eigene Buttons, Menüs und Tabellen designt, liefert KERN UX fertig erprobte, hochgradig optimierte UI-Komponenten.

KERN UX Varianten für Card-Teaser als Beispiel für Komponenten
Beispiel: fertige Varianten für "Teaser Card" Komponenten. Alle Komponenten sind unter kern-ux.de zu finden.

Der große Hebel für den Bürgerservice: Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Vorbereitung für komplexe Formulare. Online-Anträge ausfüllen, Feedback zu Bauvorhaben abgeben oder an Umfragen teilnehmen. Das steht und fällt mit der Usability der Eingabemasken. KERN UX bringt sehr durchdachte, barrierefreie Formular-Elemente mit, die Nutzern die Eingabe so einfach wie möglich machen.

Das Ganze folgt dem wunderbaren Prinzip „Public Money? Public Code!“: Software, die mit Steuergeld finanziert wird, sollte als Open Source der Allgemeinheit zugutekommen – sie spart Lizenzkosten und schafft die Grundlage für eine einheitliche, verständliche digitale Behördenlandschaft.

Vom Projekt zum Standard: Warum KERN UX jetzt eine andere Flughöhe hat

Dass KERN UX nicht nur ein weiteres „gutes Open-Source-Projekt“ ist, sondern perspektivisch als Standard wirken soll, ist kein Zufall.

Die Entwicklung des KERN Design-Systems wurde ursprünglich von den Bundesländern Schleswig-Holstein und Hamburg gemeinsam ins Leben gerufen und finanziell unterstützt. Die Idee entstand aus einer Community-Initiative, inspiriert von internationalen Vorbildern wie GOV.UK. Ziel war es, die starke Fragmentierung und die sichtbaren Designbrüche bei deutschen Onlinediensten zu beenden.

Damit daraus ein flächendeckender Standard für die deutsche Verwaltung werden kann, braucht es jedoch eine offizielle bundesweite Legitimation.

Die zentrale Beschlussinstanz ist hier der IT-Planungsrat, das Steuerungsgremium für die Digitalisierung der Verwaltung in Deutschland, in dem Bund und alle Länder vertreten sind.

  • März 2024: Der IT-Planungsrat stimmte der übergeordneten Initiative zur digitalen Dachmarke zu. KERN bildet das technische und gestalterische Fundament dieser Dachmarke.
  • September 2025: In der 41. Sitzung der Abteilungsleiter-Runde (AL-Runde) des IT-Planungsrats wurde unter dem Beschluss 2025/10-AL die offizielle Produktübernahme des KERN UX-Standards auf den Weg gebracht. Die FITKO wurde beauftragt, diese Übernahme in Abstimmung mit den Ländern final vorzubereiten.

Die Brücke zu Drupal: Ein echter Community-Effort

Nun ist KERN UX im Original erst einmal eine plattformunabhängige Sammlung aus HTML und CSS. Damit wir das in einem Content-Management-System auch wirklich nutzen können, muss es sauber in die jeweilige CMS-Architektur integriert werden. Und genau hier kommt die Open-Source-Community ins Spiel.

In einem gemeinsamen Community-Effort haben verschiedene Akteure und Entwickler:innen aus dem Drupal-Umfeld die Ärmel hochgekrempelt, um KERN UX in die Drupal-Welt zu holen. Auch erdfisch war beim Port des offiziellen kern_ux-Projekts aktiv an Bord.

Warum ausgerechnet Drupal?

Drupal besitzt eine unvergleichliche Stärke bei der Verarbeitung von strukturierten Daten und komplexen Formular-Logiken. Wenn man diese technische Power im Hintergrund mit dem geprüften, barrierefreien KERN UX-Kleid im Frontend verheiratet, hat man ein unschlagbares Team. Das spart in der Praxis endlose Stunden Frontend-Entwicklung und gibt Entscheidern die Sicherheit, dass die Basisarchitektur stimmt.

Ein Wort zur Anpassbarkeit: Single Directory Components (SDC)

Ein Vorteil aus der Drupal-Welt, den man im Kontext von Designsystemen nicht unterschätzen sollte, ist die Component-Architektur.

Das KERN UX Theme setzt auf Single Directory Components (SDC). Kurz gesagt bedeutet das: Eine Komponente, wie zum Beispiel ein Button oder ein Formular-Element, lebt in einem klar abgegrenzten Verzeichnis. Dort liegen Markup, Styling und optionale Logik beisammen. Das macht Komponenten leichter auffindbar, besser wartbar und in der Praxis auch deutlich einfacher anzupassen.

Gerade bei Standards ist das entscheidend: Wenn einzelne Kommunen oder Projekte eigene Anforderungen haben, kann man bestehende Design-Elemente gezielt anpassen oder neue Elemente so ergänzen, dass sie sauber zu den bestehenden KERN UX Bausteinen passen. Und: Bestehende Elemente lassen sich gut auf projektspezifische Varianten „mappen“, ohne sich das Fundament zu verbiegen.

Angewandt in der Praxis: Open Government Community Builder (OGCB)

Wenn KERN UX das barrierefreie Dach oder die Oberfläche ist, dann liefert OGCB das schlüsselfertige, funktionale Community-Haus darunter.

OGCB ist ein zusammen mit erdfisch entwickeltes Drupal-Site-Template (ähnlich einer Distribution bzw. einem Recipe), das speziell für die Anforderungen der öffentlichen Hand optimiert wurde. Und seine absolute Kernkompetenz liegt im Bereich gruppenbasierte Zusammenarbeit, Communities und moderne Intranets.

Open Government Community Builder (OGCB) Logo

Plattformen, auf denen Abteilungen vernetzt zusammenarbeiten, geschlossene Arbeitsgruppen Dokumente austauschen und Bürger sich aktiv einbringen sollen, leben von Interaktion. OGCB liefert im Hintergrund die gesamte Logik für diese Gruppen-Workflows.

Und dank der integrierten KERN UX-Basis ist „out of the box“ sichergestellt, dass all diese komplexen Features von der Profilpflege über Diskussionsforen bis hin zu Abstimmungen barrierefrei, intuitiv und mobil optimiert ausgespielt werden.

Vor allem beim Aufbau neuer Systeme kann man mit OGCB und KERN UX eine Menge Zeit und Geld sparen. Oft müssen nur noch einige Features ergänzt werden, falls das Basisrezept diese noch nicht mitbringt. Und schon kann eine nutzbare erste Version einer großen neuen Beteiligungsplattform online gehen.

OGCB ist bereits als Open-Source-Projekt verfügbar. Das heißt: Wer sich ein Bild machen will, kann es jederzeit selbst installieren und evaluieren. Für eine schnelle Test-Installation bieten sich zum Beispiel simplytest.me oder eine lokale Docker-basierte Grundlage an.

Erfahren Sie hier mehr über OGCB ▸

Was bedeutet KERN UX für Budget und Risiko?

Die große Frage in fast jedem Projekt ist am Ende: Was bringt mir das in der Praxis?

Eine konkrete Zahl wäre unseriös, weil Einsparungen immer vom Umfang und von den Anforderungen abhängen. Was man aber erfahrungsgemäß sagen kann: Wenn ein fertiges, barrierefreies Theme eingesetzt wird, das im Projekt „nur“ noch angepasst und sauber gemappt werden muss, sinkt der Frontend-Anteil im Vergleich zu klassischen Individualentwicklungen oft sehr deutlich.

Als grobe Orientierung kann man davon ausgehen, dass der Aufwand im Frontend gegenüber bisherigen Projekten um 70 bis 80 Prozent sinken kann.

Und wenn es nicht nur um „Website“, sondern um ein Community- oder Bürgerbeteiligungs-System mit Gruppen geht, kommt eine zweite Einspar-Quelle dazu: OGCB kann auch im Sitebuilding und in der Entwicklung maßgeblich entlasten, weil die gruppenbasierten Workflows nicht jedes Mal neu modelliert werden müssen.

Wenn das MVP-Prinzip konsequent angewendet wird, spart man unter Umständen sogar noch mehr: mit wenig mehr als der Standardausprägung beginnen, die aus der “OGCB-Tüte fällt” und später iterativ wichtige Features hinzufügen. Die unendliche Erweiterbarkeit von Drupal mach’s möglich.

Fazit: Weniger Risiko, mehr Fokus aufs Wesentliche

In der Praxis verringert das Zusammenspiel aus KERN UX und OGCB das Projektrisiko erheblich. Da die grundlegenden Anforderungen an die Barrierefreiheit und die technische Infrastruktur bereits im Standard gelöst sind, verkürzen sich die Entwicklungszyklen deutlich.

Anstatt bei Null anzufangen und zeitintensive Korrekturrunden nach dem Audit zur Barrierefreiheit zu riskieren, lässt sich direkt auf einer praxiserprobten, gesetzeskonformen Plattform aufbauen. Das entlastet die Projektbudgets und schafft den nötigen Freiraum, um sich voll auf die Ausgestaltung der eigentlichen Inhalte und Workflows zu konzentrieren.

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